Zu viel Gepäck
Marcel Niemeier • 19. Dezember 2025
Reise leichter!

Voller Spannung lege ich meinen Rucksack auf die Flughafenwaage und musste lachen. 7 Kilo. Mehr nicht. Ein Gewicht, das mich nicht einengt, sondern begleitet. Die Reise nach Schottland zum West Highland Way konnte beginnen und zwar mit einem Gefühl von Freiheit, das ich nur dann spüre, wenn ich wirklich leicht unterwegs bin. Trotzdem beobachte ich immer wieder, wie Menschen ihre Koffer vollstopfen. Egal ob Wanderurlaub oder zwei Wochen Strand, oft landet alles im Gepäck, was man für alle möglichen Fälle gebrauchen könnte. Aber warum schleppen so viele Menschen eigentlich 20 oder 30 Kilo mit in den Urlaub, obwohl wir überall auf der Welt fast alles jederzeit kaufen können?
Genau deshalb möchte ich dich in diesem Beitrag ein wenig inspirieren. Vielleicht hinterfragst du beim nächsten Packen ein paar Gewohnheiten. Vielleicht spürst du, dass weniger Gepäck dir mehr Leichtigkeit schenkt. Und vielleicht erlebst du deinen Urlaub dann ein Stück bewusster im Hier und Jetzt.
4 Monate Minimalismus
In meinem viermonatigen Sabbatical 2023 bin ich mit meinem 40 Liter Rucksack durch Griechenland, Georgien, Thailand und Sri Lanka gereist. Ich hatte nur ein paar Outfit Sets dabei, eine Mischung aus Wander- und Alltagskleidung und musste mich auf alles einstellen. Kälte, Hitze, Regen, hohe Luftfeuchtigkeit. Das Ergebnis war simpel: Ich habe über vier Monate hinweg fast täglich das Gleiche getragen. Immer wieder dieselbe kurze Hose. In Thailand und Sri Lanka wegen der Schwüle ständig die gleichen schwarzen T Shirts. Und die entscheidende Frage lautete: Wen hat es gestört? Die Antwort ist genauso simpel: Niemanden.
Wäschewaschen war überall möglich. Und ich erinnere mich sehr gut daran, wie ich in Thailand einen Beutel mit meinen noch nassen Badeklamotten im Bus vergessen habe. Badehose, zwei Handtücher, Badeschlappen. Alles weg. Ich war sicher, dass ich die Sachen nie wiedersehen würde. Ironischerweise hielt der Bus ausgerechnet vor einem Touristenladen, in dem ich genau diese Dinge sofort hätte nachkaufen können. Glücklicherweise habe ich am Ende meinen Beutel mit etwas Aufwand zurückbekommen. Aber der Gedanke, der hängen blieb, war sehr einprägsam: Wir leben in einer Welt, in der nahezu alles überall erhältlich ist. Und dieser verdammte Überfluss ist manchmal eine Erinnerung daran, dass wir viel weniger mitnehmen müssen, als wir glauben. Bitte verstehe mich nicht falsch. Grundsätzlich bin ich absolut gegen diesen Überfluss und gegen unnötiges Neu-Kaufen. Doch gerade beim Reisen wird mir immer wieder bewusst, wie wenig wir tatsächlich brauchen. Und wenn dann doch einmal ein echter Notfall eintritt und wir etwas wirklich dringend benötigen, können wir es fast überall und fast jederzeit bekommen.
Lass dich gehen (wenn du willst)
Ob du entspannen oder aktiv unterwegs sein möchtest, der Urlaub ist der perfekte Moment, um ein Stück Kontrolle loszulassen. Hier musst du nicht funktionieren. Hier kennt dich niemand. Und genau deshalb darfst du ungeschminkt/unrasiert, unfrisiert und vielleicht sogar ein bisschen wild herum laufen, je nachdem, womit du dich wohlfühlst. Diese Freiheit fühlt sich großartig an. Lass sie einfach einmal zu und mache dir keine Gedanken darüber, was andere über dich denken könnten. Ungewaschene Haare? Cappy auf und los!
Ein praktisches Beispiel sind die Schuhe. Überlege dir gut, wie viele du wirklich brauchst. Bei mir reichen ein Paar bequeme Sneaker und ein Paar Badelatschen völlig aus. Und wenn ein schickes Abendessen ansteht, gehe ich einfach in den Sneakern hin. Niemand zählt, wie viele Outfits du dabeihast. Wichtig ist nur, dass du dich wohlfühlst.
So sparst du Zeit und Energie und kannst dich auf das konzentrieren, was im Urlaub wirklich zählt: Zeit mit deinen Liebsten, neue Orte entdecken, Natur genießen, das Flair einer Stadt aufsaugen oder inspirierende Gespräche mit spannenden Menschen führen.
Geschäftsreise und kurze Trips
Bei Geschäftsreisen und kurzen Trips sieht das mit dem Gehenlassen natürlich etwas anders aus, je nachdem in welcher Branche du tätig bist. Auch ich bin in meinem Hauptjob ab und zu unterwegs und beobachte immer wieder, wie Kolleginnen und Kollegen für lediglich zwei Hotelübernachtungen einen großen Koffer mitnehmen.
Doch muss man auf Reisen oder im Job wirklich jeden Tag ein anderes Outfit tragen, nur um zu zeigen, dass man sich wäscht und frische Kleidung trägt? Interessiert es dich selbst tatsächlich, was deine Kolleginnen und Kollegen anhaben, solange sie dem Anlass entsprechend gekleidet sind, auch wenn sie vielleicht zweimal das gleiche Outfit tragen? Genau an dieser Stelle hinterfrage ich diese gesellschaftliche Erwartung, täglich etwas anderes anziehen zu müssen.
Während ich das hier schreibe, sitze ich gerade im Zug auf dem Weg zu einer Kundin nach Köln. Ich bleibe eine Nacht im Hotel und habe folgendes dabei:
- 1 Paar Socken
- 1 Unterhose
- 1 T-Shirt
- 1 Wasserflasche
- 1 kleiner Kulturbeutel
- 1 Paar Badeschlappen
- Laptop, Kopfhörer und Ladekabel
Bei zwei oder drei Nächten erhöhe ich lediglich die Menge der Wechselkleidung und nehme eventuell einen zweiten Pullover mit. Die Hose und das gleiche Paar Sneaker bleiben jedoch gleich.
Mich interessiert es schlichtweg nicht, was andere Kolleginnen und Kollegen über meine Kleidung denken könnten. Solange ich gepflegt aussehe und nicht unangenehm rieche, hat meine Kleidung keinerlei Einfluss auf meine Arbeitsleistung. Natürlich übertreibe ich hier ein wenig, denn es kommt immer auf den beruflichen Kontext an. Dennoch lohnt es sich in der Regel, in sich hineinzuhorchen und zu prüfen, was dir Freude bereitet und was deinen Alltag sowie deine Entscheidungen erleichtert.
Sei mit weniger unterwegs
Du bist gerade zu Hause? Perfekt! Dann schnapp dir deine Handtasche, Arbeitstasche, deinen Alltagsrucksack oder sogar deine Sporttasche. Kippe den Inhalt aus, nimm jedes Teil in die Hand und überlege bewusst, ob du es wirklich brauchst. Die meisten von uns tun das viel zu selten, dabei kann schon dieser kleine Schritt ein großes Gefühl von Leichtigkeit erzeugen.
Mach dir außerdem bewusst: Wir leben in einer Welt des Überflusses. Praktisch alles ist weltweit jederzeit erhältlich, wenn du es wirklich brauchst. Das gibt dir die Freiheit, weniger mitzunehmen, denn falls doch einmal ein Notfall eintritt, kannst du fast alles problemlos besorgen.
Probier es einfach aus, miste jetzt aus und spür, wie befreiend es ist. Wie Silbermond so schön singt: „Und eines Tages fällt dir auf, dass du 99 % davon nicht brauchst.“
